StartSmart HomeDynamischer Stromtarif: Wann er sich rechnet und wann er zur Wette wird

Dynamischer Stromtarif: Wann er sich rechnet und wann er zur Wette wird

8,68 Cent oder 20,80 Cent pro Kilowattstunde. Zwischen diesen beiden Werten lag im vergangenen Jahr der durchschnittliche Energiepreis eines dynamischen Stromtarifs, je nachdem, wann der Strom verbraucht wurde (eigene Berechnung, Details weiter unten). Gleicher Tarif, gleicher Anbieter, mehr als doppelter Preis. Genau darum geht es bei dynamischen Tarifen, und genau deshalb ist die Frage, ob sie sich lohnen, keine Frage des Tarifs, sondern des eigenen Alltags.

Unsere Einschätzung vorweg: Für Haushalte mit E-Auto, das tagsüber oder nachts flexibel lädt, kann sich ein dynamischer Tarif rechnen. Für alle anderen ist er vor allem eine Wette auf den Strommarkt. Und die läuft gerade nicht besonders gut.

So funktioniert der Preis

Bei einem dynamischen Tarif zahlt man für jede Viertelstunde den Day-ahead-Börsenpreis für Österreich, plus einen Aufschlag des Lieferanten, plus Umsatzsteuer. Netzentgelte und Abgaben kommen wie bei jedem anderen Tarif dazu, die sind nicht dynamisch.

Ein Beispiel aus Vorarlberg: Die VKW verlangen bei ihrem dynamischen Tarif den Börsenpreis plus 1,20 Cent netto pro kWh, dazu eine Grundpauschale von 36 Euro netto im Jahr (brutto 43,20 Euro). Bei anderen Anbietern unterscheiden sich Aufschlag und Grundgebühr, ein Vergleich lohnt sich. Wir rechnen unten mit dem VKW-Aufschlag.

Voraussetzung ist ein Smart Meter, der Viertelstundenwerte überträgt. Dafür muss beim Netzbetreiber in der Regel die sogenannte Opt-in-Einstellung aktiviert sein. Ohne diese Daten weiß niemand, wann Sie wie viel verbraucht haben.

Rechnen wir’s durch

Grundlage sind die Day-ahead-Börsenpreise für Österreich von Oktober 2025 bis September 2026, als Stundenmittel (eigene Auswertung, Daten über die öffentliche Schnittstelle von aWATTar). Auf jeden Wert haben wir 1,20 Cent Aufschlag und 20 Prozent Umsatzsteuer gerechnet. Herausgekommen ist der durchschnittliche Energiepreis brutto, je nach Verbrauchszeit:

Wann verbraucht wird Börsenpreis netto Energiepreis brutto
gleichmäßig rund um die Uhr 11,96 ct/kWh 15,79 ct/kWh
abends, 18 bis 22 Uhr 16,13 ct/kWh 20,80 ct/kWh
nachts, 0 bis 6 Uhr 11,82 ct/kWh 15,62 ct/kWh
jeweils die 4 billigsten Stunden des Tages 6,03 ct/kWh 8,68 ct/kWh
Winter (Nov. bis Feb.), rund um die Uhr 12,05 ct/kWh 15,90 ct/kWh
Winter, jeweils die 12 billigsten Stunden 10,19 ct/kWh 13,67 ct/kWh

Zwei Dinge fallen auf. Die Nacht ist im Jahresschnitt kaum billiger als der Durchschnitt. Das überrascht viele, hat aber einen einfachen Grund: Die wirklich billigen Stunden lagen im Auswertungszeitraum meist in der Mittagszeit, vor allem im Frühling und Sommer, wenn viel Solarstrom im Netz ist. Im April und Mai 2026 gab es zu Mittag sogar zahlreiche Stunden mit negativen Börsenpreisen. Teuer ist dagegen fast immer der frühe Abend.

Das Zweite: Im Winter ist der Abstand zwischen billigen und teuren Stunden kleiner. Wer seinen Verbrauch nur ein bisschen verschiebt, spart dann auch nur ein bisschen.

Drei Haushalte, drei Ergebnisse

E-Auto mit 2.000 kWh im Jahr. Lädt der Haushalt immer, wenn er abends nach Hause kommt, kostet die Energie dafür rund 416 Euro. Gleichmäßig verteilt wären es rund 316 Euro. Schafft er es, jeweils in den vier billigsten Stunden zu laden, sind es rund 174 Euro. Klingt nach viel Ersparnis, hat aber einen Haken: Die billigsten Stunden liegen eben oft mittags. Das funktioniert nur, wenn das Auto dann zu Hause steht, zum Beispiel im Homeoffice oder am Wochenende.

Wärmepumpe mit 3.000 kWh von November bis Februar. Ohne Steuerung kommen wir auf rund 477 Euro für die Energie. Wenn die Wärmepumpe ihre Laufzeit auf die zwölf billigsten Stunden des Tages konzentriert, sind es rund 410 Euro. Rund 67 Euro Unterschied über einen Winter. Das ist nicht nichts, aber eine Wärmepumpe muss im Winter viele Stunden laufen, sie lässt sich nur begrenzt verschieben. Wie sich der Verbrauch einer Wärmepumpe zusammensetzt und warum der Heizstab dabei ein Kostentreiber sein kann, haben wir im Heizstab-Beitrag erklärt.

Haushalt ohne große Verbraucher, 2.500 kWh. Kochen, Licht, Fernseher, alles eher abends. Hier gibt es wenig zu verschieben. Ob sich der dynamische Tarif lohnt, hängt dann fast nur davon ab, wie der Börsenpreis im Vergleich zu einem Fixpreisangebot steht, und das ist eine Marktwette.

Was in allen drei Fällen fehlt, ist der Vergleich mit Ihrem bisherigen Tarif. Den können nur Sie machen: Nehmen Sie den reinen Energiepreis von Ihrer Rechnung (ohne Netzentgelte und Abgaben) und legen Sie ihn neben die passende Zeile der Tabelle. Wie die Rechnung aufgebaut ist, steht in unserem Beitrag Stromrechnung verstehen.

Warum gerade jetzt Vorsicht angebracht ist

Die Tabelle zeigt ein Jahresmittel. Der Markt hat sich in den letzten Monaten aber deutlich bewegt. Im Oktober 2025 lag der durchschnittliche Börsenpreis in unserer Auswertung bei 10,89 Cent netto, im September 2026 bei 17,37 Cent. Mit Aufschlag und Steuer entspricht das rund 22,28 Cent brutto, wenn man gleichmäßig verbraucht. Am Abend des 14. September kostete eine Stunde an der Börse rund 59 Cent netto pro kWh.

Auch die Österreichische Energieagentur meldet steigende Großhandelspreise: Ihr Strompreisindex ÖSPI für Oktober 2026 liegt bei 191,08 Euro pro MWh, fast doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Der Gaspreisindex liegt erstmals seit Jänner 2023 wieder über 70 Euro pro MWh. Der ÖSPI bildet Terminmarktpreise ab und ist für viele Index-Tarife die Grundlage. Dynamische Tarife reagieren noch direkter, nämlich täglich.

Ob die Preise im Winter weiter steigen oder wieder fallen, weiß niemand, auch wir nicht. Klar ist nur: Ein dynamischer Tarif gibt Preissprünge sofort weiter, nach oben wie nach unten.

Was das Gesetz regelt

Das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) gibt Kundinnen und Kunden mit Smart Meter ein Recht auf einen Vertrag mit dynamischen Preisen. Lieferanten mit mehr als 25.000 Zählpunkten müssen solche Verträge anbieten, aber auch Verträge mit festen Preisen. Vor Vertragsabschluss muss der Lieferant nachweislich über Chancen, Kosten und Risiken informieren, der Abschluss braucht Ihre ausdrückliche Zustimmung, und während der Laufzeit muss er Sie über Preisentwicklungen und Risiken auf dem Laufenden halten. Diese Informationspflichten gelten übrigens auch für Tarife, die an Monats- oder Quartalspreise des Terminmarkts gekoppelt sind.

Wichtig für den Ausstieg: Haushalte können dynamische Verträge jederzeit mit einer Frist von zwei Wochen kündigen. Wer merkt, dass die Rechnung davonläuft, sitzt also nicht fest. Umgekehrt gilt für Fixpreisverträge, dass der Lieferant sie frühestens ein Jahr nach Abschluss einseitig zu Ihren Lasten ändern oder kündigen darf.

Und dann ist da noch 2027. Die E-Control plant einen Leistungspreis bei den Netzentgelten, der sich an der höchsten Viertelstunde im Monat orientiert; beschlossen ist die Verordnung derzeit noch nicht. Wer alles in die billigsten Stunden schiebt, also E-Auto, Wärmepumpe und Boiler gleichzeitig, erzeugt genau solche Spitzen. Was ein Börsentarif spart, könnte dann beim Netz zum Teil wieder draufgehen. Mehr dazu in unserem Beitrag zum geplanten Leistungspreis.

Unsere Empfehlung

Lohnt sich, wenn Sie ein E-Auto oder einen anderen großen, verschiebbaren Verbraucher haben, das automatisch nach Preis steuern können und mit schwankenden Monatsrechnungen leben können. Würden wir nicht machen, wenn der Großteil Ihres Verbrauchs am Abend anfällt oder Sie in diesem Winter vor allem eine planbare Rechnung brauchen.

Stand: Oktober 2026. Angaben ohne Gewähr.

Quellen

  • Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG), BGBl. I Nr. 91/2025, insbesondere § 22 und § 24: ris.bka.gv.at
  • OTS der Österreichischen Energieagentur, 23.09.2026: „Großhandelspreisindizes steigen im Oktober weiter deutlich“ – ots.at
  • https://www.vkw.at/produkte/strom/strom-dynamisch (Preisbeispiel)
  • Börsenpreisdaten (Day-ahead Österreich, Stundenmittel): öffentliche Schnittstelle von aWATTar, awattar.at/services/api, abgerufen am 05.10.2026; Auswertung all.at
  • E-Control, Begutachtungsentwurf Systemnutzungsentgelte-Grundsatzverordnung (Leistungspreis): e-control.at (PDF)

Trend der Woche

Bundesförderung weg: Diese Bundesländer fördern den Heizungstausch weiter

Der Bund zahlt 2026 nichts mehr, sieben Länder fördern den Umstieg von Öl und Gas weiter: Beträge, Fristen und Bedingungen je Bundesland.

Nachtabsenkung: Wann sie spart und wann sie teurer wird

Nachts die Heizung runterdrehen spart Energie – aber nicht immer. Was bei Altbau, Fußbodenheizung und Wärmepumpe gilt und wie stark man absenkt.

Sozialtarif Strom: Warum er ab Oktober deutlich mehr wert ist – und welche Rechte alle Haushalte haben

6 statt fast 20 Cent: Der Strom-Sozialtarif ist im vierten Quartal so viel wert wie nie. Wer ihn bekommt und welche Rechte alle Haushalte haben.

Fassade dämmen: Wie dick ist dick genug?

Wie dick muss die Fassadendämmung sein? U-Werte laut OIB-Richtlinie 6, eine Rechnung von 9 bis 25 cm und die Stellen, an denen Dämmungen oft schwächeln.

Wenn die Ofenscheibe schwarz wird – Kaminofen richtig heizen

Trockenes Holz, von oben anzünden, genug Luft: So heizen Sie Ihren Kaminofen sauber und effizient – und vermeiden verrußte Scheiben.

Themen

Bundesförderung weg: Diese Bundesländer fördern den Heizungstausch weiter

Der Bund zahlt 2026 nichts mehr, sieben Länder fördern den Umstieg von Öl und Gas weiter: Beträge, Fristen und Bedingungen je Bundesland.

Nachtabsenkung: Wann sie spart und wann sie teurer wird

Nachts die Heizung runterdrehen spart Energie – aber nicht immer. Was bei Altbau, Fußbodenheizung und Wärmepumpe gilt und wie stark man absenkt.

Sozialtarif Strom: Warum er ab Oktober deutlich mehr wert ist – und welche Rechte alle Haushalte haben

6 statt fast 20 Cent: Der Strom-Sozialtarif ist im vierten Quartal so viel wert wie nie. Wer ihn bekommt und welche Rechte alle Haushalte haben.

Fassade dämmen: Wie dick ist dick genug?

Wie dick muss die Fassadendämmung sein? U-Werte laut OIB-Richtlinie 6, eine Rechnung von 9 bis 25 cm und die Stellen, an denen Dämmungen oft schwächeln.

Wenn die Ofenscheibe schwarz wird – Kaminofen richtig heizen

Trockenes Holz, von oben anzünden, genug Luft: So heizen Sie Ihren Kaminofen sauber und effizient – und vermeiden verrußte Scheiben.

Gemeinschaftsspeicher: Klimafonds fördert erstmals Batterien in Energiegemeinschaften

Erstmals fördert der Klimafonds Batteriespeicher ab 100 kWh in Energiegemeinschaften: 30 %, max. 100.000 €. Bedingungen, Fristen und Fallstricke.

Lohnt sich ein Stromanbieterwechsel? Wir haben nachgerechnet

Tarifkalkulator, Zählpunkt, Kündigung: So wechseln Sie in Österreich den Stromanbieter kostenlos und ohne Unterbrechung – und worauf Sie achten sollten.

Heizkostenzuschuss 2026/27: Welche Länder schon zahlen – und wo man noch warten muss

Steiermark zahlt 340 €, Tirol-Frist endet am 31.10., NÖ und OÖ noch offen: der Heizkostenzuschuss 2026/27 je Bundesland, geprüft am 5. Oktober.

Ähnliche Artikel

Beliebte Kategorien