30,1 °C: So warm darf ein Wohnraum in der Wiener Innenstadt im rechnerischen Nachweis werden, und das Haus gilt nach der OIB-Richtlinie 6 trotzdem als sommertauglich. Wer Überhitzung im Neubau wirklich vermeiden will, sollte deshalb mehr wollen als den bestandenen Nachweis. Entscheidend sind vier Dinge, in dieser Reihenfolge: außenliegender Sonnenschutz, Größe und Ausrichtung der Fenster, freiliegende Speichermasse und eine Nachtlüftung, die im Alltag auch funktioniert. Fast alles davon lässt sich nur in der Planung günstig festlegen, also jetzt, wenn im Winter die Einreichpläne entstehen.
Einen Überblick, was beim Hausbau sonst noch früh vorbereitet werden sollte (PV, Wallbox, Zählerkasten), finden Sie in unserem Beitrag Hausbau: PV, Wallbox und Sonnenschutz gleich mitplanen. Hier geht es nur um die Hitze, dafür etwas genauer.
Warum gerade gut gedämmte Häuser überhitzen
Sonnenlicht ist kurzwellige Strahlung. Es geht fast ungehindert durch die Verglasung, trifft auf Boden, Wände und Möbel und wird dort in Wärme umgewandelt. Diese Flächen geben die Wärme dann als langwellige Strahlung ab, und für die ist Glas weitgehend undurchlässig. Die Energie bleibt im Raum. Im Winter ist das ein gewollter Gewinn, im Juli das Hauptproblem. Die Dämmung ändert daran wenig: Sie bremst den Wärmestrom durch Wand und Dach, aber nicht den durch das Fenster. Und eine dichte, gut gedämmte Hülle gibt die Wärme, die einmal drinnen ist, nicht von selbst wieder ab. Abführen muss man sie aktiv, in der Regel mit kühler Nachtluft.
Wie viel hereinkommt, hängt stark von der Himmelsrichtung ab, und zwar anders, als viele vermuten. Die Energieagentur Niederösterreich nennt für Ost- und Westfenster im Sommer bis zu 650 W/m² Einstrahlung, für Südfenster wegen des hohen Sonnenstands nur rund 500 W/m². Die gefürchtete Südfassade ist also nicht das größte Problem. Kritischer sind West- und Südwestfenster am Nachmittag, wenn auch die Außenluft am wärmsten ist, und Dachflächenfenster, auf die die hochstehende Sonne fast senkrecht trifft. Ein Dachvorsprung oder Balkon schattet wirksam nur nach Süden ab; gegen die tief stehende Abendsonne im Westen hilft er kaum.
Speichermasse wirkt als Puffer: Betondecken, Estrich, Ziegel- oder Lehmwände nehmen tagsüber Wärmespitzen auf. Allerdings nur mit einer dünnen Schicht an der Oberfläche. klimaaktiv nennt die raumseitigen 5 bis 10 Zentimeter, das Energieinstitut Vorarlberg für Beton sogar nur die ersten vier Zentimeter. Eine abgehängte Gipskartondecke unter der Betondecke nimmt ihr deshalb einen Großteil der Wirkung. Und Speichermasse ohne Nachtauskühlung ist nur ein Speicher, der irgendwann voll ist.
Was die OIB-Richtlinie 6 verlangt
Für Wohngebäude legt die OIB-Richtlinie 6 beim Neubau zwei Wege fest, den sommerlichen Wärmeschutz nachzuweisen. Variante a ist eine Berechnung: Die operative Temperatur im Aufenthaltsraum, also der Mittelwert aus Lufttemperatur und Oberflächentemperatur der Raumflächen, darf an einem sich täglich wiederholenden Hitzetag den Wert 1/3 × TNAT,13 + 21,8 °C nicht überschreiten. TNAT,13 ist ein standortabhängiger Tagesmittelwert der Außentemperatur, der im Schnitt nur an 13 Tagen im Jahr überschritten wird; das OIB veröffentlicht ihn für jede Katastralgemeinde. Gerechnet wird nach ÖNORM B 8110-3. Tagsüber dürfen in der Rechnung die Fenster offen sein, solange es draußen kühler ist als drinnen, zwischen 22 und 6 Uhr müssen sie als geschlossen gelten.
Variante b kommt ganz ohne Temperaturberechnung aus: Alle Lichteintrittsflächen der Aufenthaltsräume bekommen eine außenliegende Abschattung mit gtot ≤ 0,15. Nordfenster (Abweichung bis ± 22,5°) dürfen unberücksichtigt bleiben. Laut den OIB-Erläuterungen sind diese Anforderungen in der Ausgabe 2025 gegenüber 2023 inhaltlich gleich geblieben. Welche Ausgabe für Ihr Bauvorhaben gilt, bestimmt das jeweilige Landesbaurecht.
Was die Grenzformel praktisch bedeutet, zeigt eine eigene Beispielrechnung mit TNAT,13-Werten aus der OIB-Liste (Ausgabe April 2026):
| Katastralgemeinde | TNAT,13 | zulässige operative Temperatur |
|---|---|---|
| Innsbruck | 21,2 °C | rund 28,9 °C |
| Linz | 22,6 °C | rund 29,3 °C |
| Eisenstadt | 23,5 °C | rund 29,6 °C |
| Wien, Innere Stadt | 24,9 °C | rund 30,1 °C |
Zum Vergleich: klimaaktiv setzt die Behaglichkeitsschwelle bei 27 °C am Tag und 25 °C in der Nacht an. Der Nachweis ist eine Mindestanforderung, kein Komfortversprechen. Die Energieagentur Niederösterreich weist außerdem darauf hin, dass die zulässige Raumtemperatur mit steigenden Außentemperaturen mitwandert. Sinnvoll ist deshalb, beim Energieausweisersteller oder Bauphysiker nicht nur das Ergebnis „erfüllt“ zu verlangen, sondern die Rechnung für zwei, drei Varianten: mit kleinerem Westfenster, mit anderem Sonnenschutz, mit freiliegender Decke.
Zurück zu gtot, dem Wert hinter Variante b. Er beschreibt, welcher Anteil der Sonnenenergie durch Glas und Sonnenschutz gemeinsam in den Raum gelangt, und lässt sich vereinfacht als g-Wert des Glases mal Abminderungsfaktor Fc des Sonnenschutzes abschätzen. Ein übliches Dreifachglas hat laut Energieagentur NÖ etwa g = 0,53. Mit typischen Fc-Werten, wie sie Baunetz Wissen nennt, ergibt sich (vereinfachte eigene Rechnung, Richtwerte): Außenraffstore mit Fc 0,25 → gtot ≈ 0,13, die Anforderung ist erfüllt. Markise mit Fc 0,5 → etwa 0,27. Dunkle, innenliegende Jalousie mit Fc 0,9 → etwa 0,48, fast so viel wie ohne Schutz. Für den Nachweis zählt der vom Hersteller ausgewiesene Wert der konkreten Kombination, nicht diese Schätzung. Die Größenordnung zeigt aber, warum innenliegender Sonnenschutz in Variante b gar nicht vorkommt.
Die Hierarchie der Maßnahmen
Außenliegender Sonnenschutz steht an erster Stelle, weil er die Strahlung abfängt, bevor sie zu Wärme im Raum wird. Laut Energieagentur NÖ ist er etwa dreimal so wirksam wie innenliegender. Die Kästen für Raffstores oder Rollläden sitzen meist in der Fassade oder im Sturz und müssen wärmebrückenfrei eingebaut werden, worauf klimaaktiv ausdrücklich hinweist. Nachträglich ist das aufwendig, in der Planung kostet die Vorbereitung wenig. Mitbedenken sollte man den Standort (in sehr windreichen Lagen ist außenliegender Sonnenschutz laut Energieinstitut nicht immer möglich) und die Bedienung: Das Energieinstitut Vorarlberg weist darauf hin, dass beweglicher Sonnenschutz in der Praxis nicht lückenlos funktioniert, etwa weil niemand zu Hause ist. Eine Automatik nach Sonnenstand oder Temperatur löst das zumindest teilweise.
Fenstergröße und Orientierung sind der zweite Hebel und der einzige, der ohne Technik auskommt. Kleinere Glasflächen verzeihen Bedienfehler beim Sonnenschutz eher. Bodentiefe Verglasungen bringen laut Energieinstitut wenig zusätzliches Tageslicht, wohl aber zusätzliche Wärme; für die Belichtung zählt vor allem die Höhe der Fensteroberkante. Sonnenschutzglas mit niedrigem g-Wert ist eine Option für den Nichtwohnbau, im Einfamilienhaus kostet es Tageslicht und die erwünschten solaren Gewinne im Winter.
Speichermasse und Nachtlüftung gehören zusammen. Wer in Holzbauweise baut, kann mit Lehmputz, Lehmbauplatten oder schweren Holzfaserplatten im Innenausbau nachhelfen. Für die Nachtlüftung braucht es Fenster, die man nachts offen lassen kann: einbruchsicher, regen- und insektengeschützt, idealerweise gegenüberliegend für Querlüftung. Das Energieinstitut empfiehlt zu öffnen, sobald es draußen mindestens 2 °C kühler ist als drinnen. Eine Komfortlüftung mit Sommer-Bypass hilft dabei nur begrenzt, das Energieinstitut spricht von einem geringen Kühleffekt; was sie sonst leisten muss, steht in unserem Artikel zur Komfortlüftung im Neubau.
Kühlen über die Wärmepumpe ist die erste technische Stufe. Mit Erdsonde oder Grundwasser geht das passiv: Der Verdichter bleibt aus, nur die Umwälzpumpe schickt das Wasser der Fußbodenheizung über einen Wärmetauscher, der vom kühleren Erdreich gekühlt wird. Das Energieinstitut beziffert den Effekt auf 2 bis 3 °C, bei sehr geringem Stromverbrauch. Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe kann nur aktiv kühlen, also mit laufendem Verdichter wie eine Klimaanlage; das bringt mehr Leistung und kostet mehr Strom. In beiden Fällen muss die Regelung darauf achten, dass sich an den gekühlten Flächen kein Kondensat bildet; die Vorlauftemperatur darf also nicht beliebig tief sinken. Ob die Anlage kühlen kann, wird beim Kauf entschieden, nicht im ersten heißen August.
Die Klimaanlage kommt zuletzt. klimaaktiv rät, wenn sie unvermeidbar ist, sie mit der eigenen PV-Anlage zu betreiben, die genau dann Strom liefert, wenn gekühlt wird. Für ein einzelnes Schlafzimmer oder Homeoffice reicht laut Energieinstitut ein Single-Split-Gerät.
Außenliegender Sonnenschutz
- Wirkung: sehr hoch, mit Raffstore gtot ≤ 0,15 erreichbar
- Festlegen: Einreichplanung (Kasten, Sturz, Elektro)
- Nachrüsten: aufwendig, oft Kompromiss
Fenstergröße und -ausrichtung
- Wirkung: hoch, vor allem West und Dachfenster
- Festlegen: Entwurf
- Nachrüsten: praktisch nicht
Freiliegende Speichermasse
- Wirkung: mittel, nur mit Nachtauskühlung
- Festlegen: Ausführungsplanung (keine abgehängten Decken)
- Nachrüsten: eingeschränkt (Lehmputz)
Nachtlüftung
- Wirkung: mittel bis hoch
- Festlegen: Fensterbestellung (Lüftungsflügel, Insektenschutz)
- Nachrüsten: teilweise
Passive Kühlung (Erdwärme)
- Wirkung: 2 bis 3 °C, geringer Strombedarf
- Festlegen: Wahl der Wärmepumpe
- Nachrüsten: nur mit passender Anlage
Klimaanlage
- Wirkung: hoch, aber hoher Strombedarf
- Festlegen: Leerrohre, Standort Außengerät
- Nachrüsten: ja
Die einzige Zeile, die sich problemlos nachholen lässt, ist die letzte. Das sagt einiges darüber, wo das Geld in der Planung besser aufgehoben ist.
Stand: November 2026. Angaben ohne Gewähr.
Quellen und weiterführende Links
- OIB-Richtlinie 6, Ausgabe September 2025 – Punkt 4.7, Anforderungen an den sommerlichen Wärmeschutz
- OIB-Richtlinie 6, Erläuterungen September 2025
- OIB-Richtlinie 6, Ausgabe Mai 2023 (Punkt 4.9)
- OIB: Außentemperaturen TNAT,13 je Katastralgemeinde, April 2026
- klimaaktiv: Factsheet Sommerliche Überhitzung
- Energieinstitut Vorarlberg, Broschüre Klimafittes Bauen – Verschattung, Speichermasse, Nachtlüftung, Kühlen mit der Wärmepumpe
- Energie- und Umweltagentur NÖ: Ratgeber Sommerlicher Wohnkomfort
- Stadt Wien, MA 37: Erklärung zum sommerlichen Wärmeschutz (Formular zum Bauansuchen)
- Baunetz Wissen: gtot-Wert und Abminderungsfaktor Fc (Richtwerte, deutsche Normung)


