StartSanieren & RenovierenThermografie am Haus: Was das Wärmebild zeigt und wo es täuscht

Thermografie am Haus: Was das Wärmebild zeigt und wo es täuscht

Eine Wärmebildkamera misst keine Wärmeverluste. Sie misst Infrarotstrahlung, die von Oberflächen ausgeht, im Bereich von etwa 8 bis 14 Mikrometern Wellenlänge, und rechnet daraus eine Oberflächentemperatur. Das ist der Grund, warum sie Wärmebrücken, fehlende Dämmung und undichte Anschlüsse zuverlässig sichtbar machen kann, und zugleich der Grund, warum sie an Glas, Metall, hinterlüfteten Fassaden und unter Dachvorsprüngen regelmäßig Unsinn zeigt. Brauchbar ist eine Gebäudethermografie nur im Winter, nachts, bei trockenem und fast windstillem Wetter und einem Temperaturunterschied zwischen innen und außen von rund 15 bis 20 Kelvin.

Was die Kamera eigentlich sieht

Jeder Körper strahlt Wärme ab. Bei welcher Wellenlänge diese Strahlung am stärksten ist, hängt nur von seiner Temperatur ab: Nach dem Wienschen Verschiebungsgesetz liegt das Maximum bei rund 2.900 geteilt durch die absolute Temperatur, in Mikrometern. Für eine Hauswand mit 20 °C (293 K) ergibt das knapp 10 µm, also genau den Bereich, für den die Detektoren üblicher Wärmebildkameras gebaut sind. Glas ist in diesem Bereich übrigens nicht durchsichtig. Die Kamera blickt nicht durch das Fenster ins Zimmer, sie sieht die Scheibe selbst und das, was sich darin spiegelt.

Damit sind wir beim eigentlichen Problem. Was beim Sensor ankommt, ist eine Mischung aus der Strahlung, die die Oberfläche selbst aussendet, und der Strahlung aus der Umgebung, die sie reflektiert. Wie das Verhältnis aussieht, beschreibt der Emissionsgrad. Unbeschichtetes Glas liegt bei etwa 83 Prozent, Metalle nur bei 2 bis 10 Prozent. Eine blanke Blechverkleidung oder eine Regenrinne zeigt der Kamera also überwiegend die Temperatur dessen, was sich darin spiegelt. Bei modernen Wärmeschutzgläsern kommt hinzu, dass ihre Metallbeschichtung absichtlich Wärmestrahlung reflektiert. Ein wolkenloser Nachthimmel, der bei Frost weit unter null Grad „strahlt“, erscheint auf so einer Scheibe als tiefblaue oder schwarze Fläche. Das sieht nach hervorragender Dämmung aus und sagt über das Fenster gar nichts.

Putz, Ziegel, Holz und die meisten Anstriche verhalten sich gutmütiger, weil sie matt sind und viel selbst abstrahlen. Deshalb funktioniert Thermografie an einer verputzten Außenwand gut, an Glas und Metall im Grunde nicht. Das steht so auch in den Unterlagen der Energieberatung Steiermark: Bei Verglasungen und Metalloberflächen sei eine Außenaufnahme nicht aussagekräftig.

Wann ein Wärmebild überhaupt etwas aussagt

Eine Schwachstelle in der Dämmung erzeugt außen nur dann eine sichtbar wärmere Stelle, wenn genug Wärme durch die Wand fließt. Das tut sie nur bei einem kräftigen Temperaturgefälle, und das muss über Stunden stabil sein, weil Mauerwerk träge ist. Die Grazer Energieagentur nennt in ihrem Thermografie-Ratgeber für das Land Steiermark eine Differenz von 15 bis 20 K zwischen innen und außen, eine andere Unterlage der Landesinitiative ich-tus.at spricht von rund 20 °C, etwa 20 °C innen bei 0 °C außen. Die Räume sollen mindestens 12 Stunden vorher gleichmäßig beheizt sein, die Nachtabsenkung bleibt am Messtag aus, Innentüren offen, Möbel von den Außenwänden weg.

Für die Außenaufnahme kommt das Wetter dazu. Sonne heizt eine Fassade noch Stunden nach Sonnenuntergang auf, eine Südwand kann am Abend wärmer sein als die Nordwand, ohne dass die Dämmung etwas damit zu tun hat. Daher die Empfehlung: frühestens sechs Stunden nach Sonnenuntergang bis kurz vor Sonnenaufgang messen. Wind unter 1 m/s, weil er die Oberfläche kühlt und Unterschiede verwischt. Kein Regen, Schnee oder dichter Nebel, und die Hülle muss trocken sein, denn verdunstendes Wasser kühlt ebenfalls. Wer eine Woche mit klarem, trockenem Frostwetter erwischt, hat in der Praxis die besten Chancen.

Die Außenthermografie liefert den schnellen Überblick über die ganze Hülle. Viele Fragen beantwortet aber nur die Innenaufnahme: wo Kaltluft an Fensteranschlüssen oder Steckdosen hereinzieht, wie es in Dachschrägen, an der Kellerdecke oder an einer Schimmelecke aussieht. Am deutlichsten werden Undichtheiten, wenn gleichzeitig ein Blower-Door-Test läuft. Das Gebläse erzeugt im Haus Unterdruck, kalte Außenluft strömt durch jede Fuge nach, und auf dem Wärmebild erscheinen diese Stellen als kalte „Fahnen“. Der Steiermark-Ratgeber nennt die Kombination beider Verfahren optimal, um Bauschäden zu finden, die Energie AG Oberösterreich bewirbt sie als besonders wirksam.

Vier Bilder, die regelmäßig falsch gelesen werden

Die Farben eines Wärmebilds sind frei skaliert. Wer die Skala eng um die Wandtemperatur legt, macht aus 1 K Unterschied ein dramatisches Rot-Blau-Muster. Ein Merkblatt der WKO-Plattform Fenster und Fensterfassaden rechnet das an einem Fensterrahmen mit 16 °C neben einer Wand mit 20 °C vor: Je nach gewähltem Temperaturbereich wirkt derselbe Rahmen schlecht oder unauffällig. Ein seriöser Bericht zeigt deshalb immer den Farbkeil mit Temperaturen. Fehlt er, ist das Bild zum Beurteilen wertlos. Darüber hinaus tauchen vier Muster immer wieder auf:

Gleichmäßig kalte, unauffällige Fassade

  • Was oft dahintersteckt: Hinterlüftete Fassade: Die Kamera sieht nur die Verkleidung, die von Außenluft umspült wird
  • Gegenprobe: Nur Innenaufnahme ist aussagekräftig

Warmer Streifen direkt unter dem Dach, unter Balkon oder Vordach

  • Was oft dahintersteckt: Der Vorsprung schirmt die Wand vom kalten Himmel ab, sie strahlt weniger ab
  • Gegenprobe: Gleiche Wand ohne Vorsprung vergleichen

Fensterscheibe tiefblau, Rahmen auffällig

  • Was oft dahintersteckt: Spiegelung des Nachthimmels; Rahmen in der Laibung wirkt außen wärmer, innen kälter
  • Gegenprobe: Innenaufnahme, schräger Blickwinkel

Warmes Rechteck unter jedem Fenster

  • Was oft dahintersteckt: Heizkörper direkt dahinter, oft zusätzlich dünnere Wand in der Nische
  • Gegenprobe: Bild mit Heizkörper aus vergleichen, Wandstärke prüfen

Die hinterlüftete Fassade ist der Klassiker. Zwischen Dämmung und Verkleidung zirkuliert Außenluft, die Verkleidung hat daher praktisch Außentemperatur, egal wie gut oder schlecht dahinter gedämmt ist. Dasselbe gilt für Kaltdächer. Beim Dachvorsprung ist der Effekt subtiler: Eine Wandfläche, die nachts zum klaren Himmel „schaut“, verliert viel Strahlung und kühlt unter die Lufttemperatur ab. Unter dem Vordach sieht sie stattdessen die wärmere Untersicht des Dachs. Die Landesinitiative ich-tus.at weist ausdrücklich darauf hin, dass erhöhte Temperaturen unter Vordächern, Balkonen und in Loggien keine Schwachstelle bedeuten müssen. Umgekehrt erscheinen Gebäudekanten außen kühler, weil dort mehr Oberfläche auf weniger Wandvolumen kommt (geometrische Wärmebrücke).

Die Heizkörpernische ist dagegen kein reiner Fehlalarm. Ein Teil der Wärme unter dem Fenster stammt schlicht vom Heizkörper, der die Wand von innen stark erwärmt. In vielen älteren Häusern ist die Wand an dieser Stelle aber auch tatsächlich dünner, und dann ist der helle Fleck eine echte Schwachstelle. Unterscheiden lässt sich das nur mit Wissen über den Wandaufbau, nicht am Bild allein.

Profi, Handy-Aufsatz oder gar nicht?

Für eine professionelle Thermografie gibt es in Österreich sehr unterschiedliche Preise, je nachdem, ob sie gefördert ist. Das Energieinstitut Vorarlberg bietet einen „Wärmebild-Check“ mit Aufnahmen und anschließender Beratung (rund drei Stunden) an, der Selbstbehalt beträgt 200 Euro für ein Einfamilienhaus und 300 Euro für Mehrfamilienhäuser. Die Energie AG Oberösterreich verlangt für die Thermografie eines Einfamilienhauses mit Bericht 500 Euro inklusive Mehrwertsteuer, plus Fahrtkosten. Welche Angebote es in anderen Bundesländern gibt, erfahren Sie bei der jeweiligen Landesenergieberatung, die Liste steht bei klimaaktiv.

Achten Sie beim Bericht darauf, dass er Datum, Uhrzeit, Außen- und Innentemperatur, Wetter, Gerät, Farbskala und zu jedem Wärmebild ein normales Foto enthält. Die Vorgehensweise war lange in der ÖNORM EN 13187 beschrieben, die laut WKO-Merkblatt nur die Lage von Unregelmäßigkeiten qualitativ nachweist, keine Wärmeströme und keine Luftdichtheit. Auf europäischer Ebene wurde sie 2023 durch EN ISO 6781-1 ersetzt. Einen U-Wert oder eine Heizlast kann die Thermografie nach keiner der beiden Normen liefern, sie zeigt, wo etwas nicht stimmt, aber nicht, wie viel Energie dort verloren geht.

Und die Aufsteck-Kamera fürs Smartphone? Für eine Sanierungsentscheidung reicht sie in der Regel nicht, zum Suchen von Zugluft an einem Fensterstock oder einer kalten Ecke innen schon. Stiftung Warentest hat schon 2016 ein solches Modell mit 160 × 120 Infrarot-Bildpunkten um 299 Euro getestet. Der eingebaute Fotosensor hatte 640 × 480 Pixel, der Wärmesensor nur ein Sechzehntel davon. Schauen Sie im Datenblatt deshalb immer auf die Infrarot-Auflösung, nicht auf die Bildauflösung. Was das bedeutet, zeigt eine einfache Rechnung (eigene Annahme: eine 10 m breite Fassade füllt das Bild aus): 1.000 cm verteilt auf 160 Pixel ergibt gut 6 cm pro Bildpunkt. Ein Fensteranschluss oder ein schmaler Rollladenkasten-Spalt ist damit nur ein, zwei Pixel breit und geht im Bildrauschen unter. Ein Gerät mit 320 Pixeln Breite halbiert diesen Wert auf rund 3 cm. Für Innenaufnahmen aus einem Meter Abstand spielt die Auflösung dagegen eine viel kleinere Rolle.

Das größere Problem ist aber ohnehin nicht die Kamera, sondern die Auswertung: Emissionsgrad richtig einstellen, Spiegelungen erkennen, Wetter und Vorgeschichte des Gebäudes mitdenken. Das WKO-Merkblatt empfiehlt für die Erstellung und Auswertung eine Zertifizierung nach EN 473 Stufe 2. Ein auffälliges Handy-Bild ist ein guter Anlass für eine Beratung, nicht schon deren Ergebnis. Und falls das Bild vor allem oben im Haus kalte und warme Flecken zeigt: Die oberste Geschoßdecke ist meist die deutlich kleinere Baustelle als die Fassadendämmung.

Stand: November 2026. Angaben ohne Gewähr.

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