Warum ist der Neubau im ersten Winter so feucht und die Heizrechnung so hoch? Weil in einem frisch gebauten Massivhaus noch tausende Liter Wasser stecken, die erst raus müssen. Das ist normal und kein Baumangel. Es heißt aber, dass Sie im ersten und oft auch im zweiten Winter anders lüften und heizen sollten als später. Wir haben zusammengetragen, worauf es ankommt.
Wie viel Wasser steckt in einem neuen Haus?
Mehr, als die meisten erwarten. Beton, Estrich, Putz und Mörtel werden mit Wasser verarbeitet, und nur ein kleiner Teil davon wird chemisch gebunden. Der Rest muss verdunsten.
Der Schweizer Gebäudetechnikverband suissetec rechnet in einem Merkblatt mit rund 64 Litern Wasser, die pro Kubikmeter eingebautem Beton verbleiben. Für ein Einfamilienhaus mit 80 Kubikmetern Beton sind das gut 5.000 Liter, nur aus dem Beton. Eine Simulationsstudie von Krus und Kollegen aus dem Jahr 2009 geht bei Massivbauten von bis zu 100 Litern pro Quadratmeter Wohnfläche aus. Die genaue Menge hängt stark von Bauweise, Bauzeit und Wetter ab. Bei Holzbauten ist es in der Regel deutlich weniger.
Wie lange dauert das Austrocknen?
Meist ein bis zwei, manchmal drei Jahre. Das deutsche Umweltbundesamt nennt für Massivbauten ein bis zwei Jahre und rechnet in dieser Zeit mit höheren Heizkosten. Dämmendes Mauerwerk erreicht laut der Studie von Krus und Kollegen den geplanten Dämmwert oft erst nach ein bis drei Jahren.
Warum das Heizen mehr kostet, ist einfach erklärt: Feuchte Baustoffe dämmen schlechter, und das Verdunsten selbst braucht Energie. suissetec rechnet für die ersten zwei Heizperioden mit einem um 20 bis 30 Prozent höheren Heizwärmebedarf. In der Simulation von Krus und Kollegen stieg der Bedarf eines Beispielgebäudes im ersten Jahr von 56 auf 74 Kilowattstunden pro Quadratmeter, also um gut 30 Prozent. Das ist ein Rechenmodell für ein bestimmtes Haus, kein Messwert für jeden Neubau. Die Richtung stimmt aber, und es hilft, die erste Jahresabrechnung richtig einzuordnen.
Wie lüfte ich im ersten Winter richtig?
Öfter als später und immer mit weit offenem Fenster. Kippen bringt wenig und kühlt die Laibungen aus.
- Das Umweltbundesamt empfiehlt im Winter zwei- bis dreimal täglich rund fünf Minuten pro Raum, das Schlafzimmer morgens fünf bis zehn Minuten.
- Im Neubau eher öfter: Die Feuchte kommt nicht nur vom Duschen und Kochen, sondern aus Wänden und Böden.
- Ein Hygrometer in den Hauptwohnräumen zeigt, ob es reicht. Ziel sind laut Umweltbundesamt und Umweltberatung 40 bis 60 Prozent relative Luftfeuchte.
- Gleichmäßig heizen. Ausgekühlte Zimmer, in denen kaum jemand ist, sind die ersten, an denen sich Feuchte niederschlägt.
Eine Komfortlüftung nimmt Ihnen viel davon ab, aber nicht alles. Sie sollte laut EnergieSchweiz erst nach der Bauendreinigung in Betrieb gehen, und vor oder bei der Abnahme sind die Filter zu tauschen, weil sie während der Bauphase viel Staub abbekommen. Für die Baufeuchte kann zusätzliches Fensterlüften im ersten Winter trotzdem sinnvoll sein. Wie die Anlage richtig eingestellt wird, steht in unserem Beitrag zur Komfortlüftung im Neubau.
Wo bildet sich am ehesten Schimmel?
An kalten Stellen, an denen sich die Luft wenig bewegt. Die Verbraucherzentrale nennt Fensterlaibungen, Rollladenkästen, Außenecken und Außenwände hinter Möbeln. Das Umweltbundesamt ergänzt den Bereich hinter und unter dem Bett.
Deshalb ein einfacher Tipp für den Einzug: Schränke und Regale nicht direkt an die Außenwand stellen. Das Land Steiermark empfiehlt in seinem Schimmel-Ratgeber mindestens fünf Zentimeter Abstand, die Verbraucherzentrale eher rund zehn. Im ersten Jahr lieber mehr. Wenn Sie hinter einem Möbelstück dunkle Flecken oder einen muffigen Geruch bemerken, sofort lüften, trocknen lassen und die Ursache klären. Bei Neubauten lohnt es sich, Mängel früh schriftlich beim Bauträger zu melden.
Was ist mit dem Estrich und der Fußbodenheizung?
Hier gibt es zwei Schritte, die oft verwechselt werden.
Funktionsheizen weist nach, dass die Fußbodenheizung funktioniert. Nach ÖNORM EN 1264-4 darf es bei Zementestrich frühestens 21 Tage nach dem Einbau beginnen, bei Anhydritestrich nach 7 Tagen. Zuerst wird mindestens drei Tage mit 20 bis 25 °C Vorlauf geheizt, dann mindestens vier weitere Tage mit der höchsten Auslegungstemperatur, ohne Nachtabsenkung. Das Ganze wird protokolliert.
Ausheizen bzw. Belegreifheizen trocknet den Estrich so weit, dass Parkett oder Fliesen darauf dürfen. Das ist ein eigener Vorgang. Ein österreichischer Hersteller weist ausdrücklich darauf hin, dass das Funktionsheizen das Ausheizen nicht ersetzt. Ob der Estrich trocken genug ist, misst die Bodenlegerfirma, meist mit der CM-Methode. Als Richtwert für beheizte Zementestriche gelten in Deutschland höchstens 1,8 CM-Prozent. Welche Werte bei Ihnen gelten, sagt Ihr Bodenleger.
Und die Wärmepumpe? Das ist ein Punkt, den man vor dem Einzug mit dem Installateur klären sollte. suissetec hält fest, dass Wärmepumpen mit Erdsonden nicht zur Bauaustrocknung verwendet werden dürfen, weil das Erdreich zu stark auskühlen und die Sonde im schlimmsten Fall Schaden nehmen kann. Bei Luft-Wasser-Wärmepumpen verbieten manche Hersteller den Einsatz zur Bauaustrocknung. Empfohlen werden mobile Trocknungsgeräte, die Wärmepumpe soll erst kurz vor dem Bezug in Betrieb gehen. Fragen Sie bei Ihrem Gerät nach, was der Hersteller erlaubt, und ob der Heizstab dafür laufen würde. Der braucht viel Strom.
Was Sie jetzt tun können
Ein, zwei Hygrometer kaufen und im ersten Winter regelmäßig draufschauen. Mehrmals täglich stoßlüften, Möbel mit Abstand zur Außenwand aufstellen und die erste Heizkostenabrechnung nicht als Maßstab für die nächsten Jahre nehmen. Und wenn Sie noch bauen: Funktionsheizen, Ausheizen und Inbetriebnahme der Wärmepumpe schriftlich mit Installateur und Bodenleger abstimmen.
Quellen
- suissetec Merkblatt Bauaustrocknung/Bautemperierung (HEIZ124, Jänner 2025)
- Krus, Sedlbauer u. a. (2009): Mehrbedarf an Lüftung und Heizenergie durch Baufeuchte – PDF
- Umweltbundesamt: Wie lüfte ich richtig?
- Die Umweltberatung: umweltberatung.at/schimmel-vermeiden
- EnergieSchweiz/BFE – Dimensionierungshilfe Komfortlüftung
- Verbraucherzentrale Energieberatung – Schimmel und Feuchte
- Land Steiermark, Schimmelpilz in Wohnräumen: PDF
- Polysan – Funktionsheizen nach ÖNORM EN 1264-4 (Herstellerinformation)
- BG BAU: Restfeuchte in Estrichen

